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Sri Lanka (2): Affensteil durch die Berge

16. Februar 2024. Vom Schildkrötenstrand in Rekawa sind es drei Fahrtage bis nach Ella – dort beginnt das zentrale Hochland Sri Lankas. Die Kleinstadt liegt auf tausend Metern über dem Meer und verspricht erträglicheres Klima. Auf dem Weg dorthin radeln wir mehrere Kilometer am Elektrozaun des Udawalawe-Nationalparks vorbei, der Elefanten davon abhält, die Landstraße zu überqueren.
Nach einem mühsamen Anstieg kommen wir schnaufend in Ella an. Die Hauptstraße ist ein riesiger Schilderwald, der Touristen in Shops, Restaurants, Cafés und Unterkünfte locken soll. Tuktuks fahren wie Ameisen durch die Gegend. Ein Stopp in Ella steht bei fast jedem Sri-Lanka-Urlauber auf dem Programm – vor allem wegen der berühmten Zugfahrt von Kandy hierher. Die Bahnstrecke entlang an Wasserfällen, Bergdörfern, Teeplantagen und Pinienwäldern ist über 150 Jahre alt. Briten ließen sie bauen, um die Ernte aus den Tee-, Kaffee- und Gewürzplantagen in den Bergen möglichst schnell an den Hafen zu bringen.
Micha und ich sind neugierig, ob die Zugstrecke so traumhaft ist, wie alle sagen und fahren von Ella für ein paar Tage nach Nuwara Eliya. Die Fahrräder bleiben solange im Gasthaus stehen. Im Zug, der gemütlich durch die exotische Berglandschaft fährt, fühlt es sich ein bisschen so an, als wäre man immer noch in der alten Zeit unterwegs. Die kleinen Bahnhöfe sehen aus, als befände man sich gerade in der Miniaturlandschaft einer alten Modelleisenbahn. Auf der Rückfahrt von Nuwara Eliya sind die Wagons so voll, dass wir uns hinein drängeln müssen. Ich hocke mich zwischen die stehenden Fahrgäste auf meine Tasche und gucke zu, wie sich Touristen für ein Foto durch die offene Zugtür in den Fahrtwind hängen – so wie es unzählige Male auf Instagram zu sehen ist. Erst letzten Monat ist eine junge Touristin beim Selfie machen vom Zug gefallen. Das passiert auf der Strecke immer wieder.

Wir haben unseren Ausflug nach Nuwara Eliya – mit 1.990 Metern die höchst gelegene und kälteste Stadt auf Sri Lanka – sehr genossen. Hier gab es wohltuende Nächte und Morgenstunden mit Temperaturen unter zwanzig Grad. Die Stadt, umgeben von Wäldern und Teeplantagen, ist sehr lebendig. Es gibt einen großen Bauernmarkt, einen See, britische Kolonialhäuser und einen englischen Park. Drumherum bestellen Kleinbauern gerade ihre dunkelerdigen Felder, die sie exakt in längliche Rechtecke aufteilen. Es sieht aus wie eine Tafel Schokolade. Klänge aus den Tempeln wechseln sich mit dem Ruf des Muezzins aus der Moschee ab. Neben der Mehrheit an Therevada-Buddhisten leben auf Sri Lanka auch viele Hindus, Christen und Muslime.
Als wir zurück in Ella sind, bepacken wir unsere Räder und steuern die schöne Bergstadt ein zweites Mal an. Die Route führt über das Dorf Ohiya und durch urige, duftende Bergwälder bis auf die Hochebene der Horton Plains. Zwei Tage lang treten wir geduldig nach oben bis auf 2.200 Meter. Manchmal ist es unfassbar steil, so dass selbst das Schieben ein Kraftakt ist. Trotzdem genießen Micha und ich diese neue Seite von Sri Lanka. Wir halten immer wieder an und bestaunen die riesigen Bäume, neben denen wir uns wie Zwerge vorkommen. Es ist schattig und herrlich ruhig. Wir atmen mit Genuss die kühle Waldluft ein.
Auf den Horton Plains angekommen führt die Straße mitten durch den gleichnamigen Nationalpark – ein Unesco-Weltnaturerbe. Die Landschaft hier sieht wirklich nicht mehr nach Sri Lanka aus. So stelle ich mir eher Schottland vor. Eine weiße Nebelwolke zieht mystisch vor uns über die einsame Straße und streift die ockerfarbenen Grashügel. Es ist das Revier von Hirschen und Wildschweinen. Straßenschilder warnen uns aber auch vor Leoparden. Wir stoppen hier oben für eine kleine Wanderung zum Aussichtspunkt „World’s End“, nur leider versperren uns Wolkenströme die Sicht. Immerhin können wir ab und zu durch eine Lücke auf das gemäldehafte Bergtal spähen, das unterhalb der Ebene liegt.

In Nuwara Eliya angekommen lassen wir die Räder fünf Tage lang stehen. Wir wohnen im kleinen Gasthaus eines älteren Ehepaars oberhalb des Ortes mit freiem Blick über die Stadt. Hinter dem Haus erstreckt sich ein Pinienwald, aus dem regelmäßig Makaken-Affen auf Futtersuche an die Häuser herankommen. Fast hätte es einer von ihnen durchs offene Fenster in unser Zimmer geschafft. Micha konnte ihn gerade noch abhalten. Sie würden auch Handys klauen, hat man uns gewarnt.
Das Klima in den Bergen tut so gut. Jetzt haben wir auch wieder Lust zu überlegen, wie die Reise von Sri Lanka aus weitergehen kann. Den ursprünglichen Plan, auf die indonesischen Inseln zu reisen, geben wir auf. Nach fünf Monaten in den Tropen sehnen wir uns regelrecht nach kaltem Wetter und entscheiden uns daher für den nepalesischen Himalaja. Weil es immer noch keine Fähre von Sri Lanka auf’s indische Festland gibt, buchen wir einen Direktflug nach Kathmandu. Als Micha und ich gerade Pläne für die Zeit in Nepal machen, kommen Andrew und Julien im Gasthaus an. Die beiden Australier, etwa fünfzehn Jahre älter als wir, sind mit einem geliehenen Tuktuk unterwegs und kommen wie gerufen. Andrew sei schon oft in Nepal gewesen, erzählt Julien. Bescheiden und fast schüchtern gibt er uns viele Tipps. Als sich die zwei am nächsten Morgen schon wieder verabschieden, lese ich kurz danach im Internet, mit wem wir es da zu tun hatten: Andrew Lock, 62 Jahre alt, ist ein bekannter Bergsteiger – sozusagen der Reinhold Messner Australiens. Bis heute ist er der erste Australier, der die Gipfel aller vierzehn Achttausender bestiegen hat.
Von Nuwara Eliya aus fahren wir auf einer Traumstrecke weiter gen Norden durch das ländliche Sri Lanka. Die ruhigen Straßen schlängeln sich durch grüne Teeplantagen und bunte Dörfer. Wir werden unzählige Male jeden Tag im Vorbeifahren von den Einheimischen gegrüßt. An den Bergen im Hintergrund hängen weiße Wolken. Die weiten Ausblicke sind fantastisch und wir halten oft an, um das Panorama zu genießen. Micha und ich sind happy und als Lohn für das viele Bergauf starten wir mit breitem Grinsen in eine laaaange Abfahrt, die mein Hemd flattern lässt.


Am 7. März 2024 rollen wir in die alte Königsstadt Kandy ein. Es ist mein Geburtstag und als wir am Gasthaus die Fahrradtaschen ins Zimmer schleppen, lachen mich dort eine singhalesische Schokoladentorte und ein Blumenstrauß an. Es wäre schön, wenn ich die Torte, wie sonst auch, mit Familie und Freunden teilen könnte. Gleichzeitig bin ich dankbar über diesen herrlichen Tag am anderen Ende der Welt, wo fast nichts ist wie zuhause.
Abends radeln wir am Stadtsee entlang durch Kandy. Der Ort ist umringt von kleinen Bergen. Die Lichter der Häuser am See spiegeln sich im Wasser. Am berühmten alten Zahntempel, der das Herzstück eines ganzen Tempelkomplexes ist, beginnt gerade die Abendzeremonie und die Klänge der Tempelinstrumente dringen nach draußen. Micha und ich werden den schönen Tempel erst am nächsten Tag zum Sonnenaufgang besuchen. Jetzt genießen wir erstmal tamilisches Essen und stolpern danach beim Spaziergang mehr oder weniger in einen der vielen anderen kleineren Tempel hinein. Dort werden wir sofort von einem jungen Mönch begrüßt. Er führt uns in seiner orangenen Robe herum und bringt uns am Ende zu seinem alten Lehrmeister. Ehe wir uns versehen, beginnt dieser mit einem persönlichen Segensritual. Wir sitzen mit gefalteten Händen vor dem alten Mönch, der uns zuerst ein goldenes Gefäß entgegenhält, das wir berühren sollen. Dann legt er seine Hand auf unseren Kopf und schwenkt einen runden Fächer über uns, während er ein buddhistisches Gebet brubbelt. Zum Abschluss wird uns ein Büchlein gereicht, in das wir unsere Namen schreiben sollen. Bei der Morgenzeremonie im Zahntempel könne er uns so in sein Gebet einschließen. Das Büchlein enthält bereits eine lange Reihe anderer Namen – die meisten davon vermutlich Touristen. Hinter jedem Namen ist die Höhe der Spende notiert, die an den Mönch und seinen Tempel geflossen ist. Meistens sind 5.000 Rupien notiert, ungefähr 15 Euro. Wir kennen das auch aus indischen Tempeln, dass man sich den göttlichen Segen erkaufen kann. Oft prangen Preistafeln wie ein Menü im Restaurant am Tempeleingang. Professionell überrumpelt schließen wir uns dem Ritus an und bekommen nach der Spende noch ein weißes Bändchen ums Handgelenk gebunden. Das sogenannte Sai Sin steht für Buddhas Lehre und soll vor bösen Geistern schützen. Mit einem zwiespältigen Gefühl verabschieden wir uns freundlich.

Hinter Kandy werden die Hügel fortan immer flacher und bald fahren wir auf glatter Straße den noch älteren anderen zwei Königsstätten Polonnaruwa und Anuradhapura entgegen. Wenn unser Fahrtag in den frühen Morgenstunden beginnt, sehen wir oft die Kinder und Jugendlichen, wie sie in schneeweißen Schuluniformen zum Bus laufen. Die Mädchen haben ihre glänzenden Haare zu perfekten Seitenzöpfen geflochten. Was lustig ist, sind die Leute, die mit Zahnbürste an der Straße stehen und beim Zähneputzen durch die Gegend schauen. Davon sehen wir auf Sri Lanka einige. Fast überall begleiten uns außerdem die lauten Rufe der Palmenhörnchen, die wie Vogellaute aus den Bäumen schallen. Es hat eine Weile gedauert, bis wir herausgefunden haben, wer da so fleißig Krach macht. Typisch sind auch die Schreie der blauen Pfauenmännchen, die ihren Ursprung in Sri Lanka sowie Indien haben. Auf den Landstraßen fahren wir an vielen kleinen Obst- und Gemüseständen der Bauern vorbei. Oft sind es notdürftig zusammengebaute Stände mit Dächern aus geflochtenen Palmenblättern. Hier im nördlichen Zentrum der Insel gibt es außerdem Straßenschilder, die vor Elefanten und anderen Wildtieren warnen. Regelmäßig radeln wir an den mächtigen Kackehaufen der Dickhäuter vorbei, aber blicken lässt sich keiner.

In Anuradhapura wurde der Buddhismus erstmals von Indien nach Sri Lanka gebracht. Der Ort war 1.300 Jahre lang Sitz der ersten Könige, religiöses Zentrum der Insel und wichtigste Pilgerstätte. Wir besuchen vormittags den uralten gewaltigen Ruwanwelisaya Stupa, der wie ein halber Planet in der Landschaft thront. Die Sonne scheint auf das grellweiße Heiligtum, das als Symbol des Friedens und der Achtsamkeit gilt. Mit etwa hundert Metern Höhe ist es eines der höchsten antiken Monumente der Menschheit. Der Stupa beherbergt eine große Sammlung von Reliquien des Buddhas, was ihn zu einem höchst bedeutsamen Ort für Buddhisten auf der ganzen Welt macht. Jeden Tag kommen unzählige Menschen weiß gekleidet hierher, um Opfergaben und Blumen in allen Farben niederzulegen oder mit den Mönchen zu beten. Mit Trommeln und Tröten angeführte Pilgergruppen laufen barfuß im Uhrzeigersinn um den Stupa, bevor sie ihre Opfergaben darlegen. Zwei Stunden lang beobachten wir das Treiben der Pilger. Die Sonne hat mittlerweile den Steinboden um den Stupa so stark aufgeheizt, dass wir uns fast die Füße verbrennen.
Als Micha später in der Stadt auf der Suche nach einer Ladung Rice & Curry ist, kommt er mit einem Singhalesen ins Gespräch. Es ist Piante, der seit zwanzig Jahren als Koch in Italien arbeitet und einmal im Jahr für vier Wochen nachhause kommt. Spontan lädt er uns mit seiner aufgeschlossenen und fröhlichen Art zum italienischen Abendessen bei sich und seiner Familie ein. Um halb sieben radeln wir im Dunkeln mit kühlem Bier als Mitbringsel zu seinem bescheidenen Haus. In der Küche schwenkt Piante leckere Pasta Napoli in der Pfanne, die hundertpro nach Bella Italia schmecken. Auf dem Tisch im Wohnzimmer steht eine Platte mit knusprigen Bruschettas und einem großen Stück Hartkäse, den er aus Italien mitgebracht hat. „Es macht mich sehr glücklich, dass ihr meine Gäste seid,“ sagt er strahlend. Dabei ist es doch Piante, der uns eine riesengroße Freude macht! Seit Jahren arbeitet er Tag für Tag in der Küche italienischer Restaurants, um seinen zwei Kindern ein Studium im Ausland zu ermöglichen und zuhause ein eigenes kleines Gasthaus zu bauen. Wir verbringen einen wunderbaren Abend mit ihm, seiner Frau und seiner erwachsenen Tochter. Noch in der selben Nacht muss sich Piante wieder von allen verabschieden – bis zum Besuch im nächsten Jahr.


Je näher wir zurück an die Küste kommen, desto klebriger und heißer wird die Luft. Tagsüber sind es um die 37 Grad. An die lähmende Hitze werden wir uns niemals gewöhnen. Nach sieben Wochen sind wir nun zurück in der Küstenstadt Negombo und die lieben Gasteltern im New Rani Inn empfangen uns mit einer Umarmung. Die Menschen an den Straßen, in den Dörfern oder an Tempeln haben uns immer wieder gefragt: Do you like my country? How is Sri Lanka? Unsere Antwort war immer dieselbe: Sri Lanka ist ein wunderschönes Land – mit fantastischen Landschaften, leckerem Essen, vielen Elefanten und vor allem sehr freundlichen Menschen. Es ist oft nur ein bisschen zu heiß zum Fahrradfahren.
Wir genießen nochmal die Zeit bei Satar und Rani, das gute Essen im winzigen Straßenrestaurant gleich um die Ecke und den kurzen Plausch mit wartenden Tuktukfahrern, die neugierig fragen, wohin wir eigentlich als nächstes radeln werden. Micha geht ein letztes mal baden im Indischen Ozean, der kaum noch Abkühlung bietet. Dann pustet er den Staub von den leeren Fahrradkartons, die wir im Gasthaus abgestellt hatten. Er zieht noch neue Reifen auf die Hinterräder und verpackt dann alles zurück in die Kartons.
Am 27. März geht’s morgens im Flieger nach Nepal. Das Osterfest, das im christlichen Negombo mit vollen Kirchen ausgiebig gefeiert wird, werden wir in Kathmandu verbringen. Danach beginnt die größte Herausforderung, der wir uns je gestellt haben: eine mehrwöchige Höhenwanderung um den König aller Berge – den Mount Everest. Schnee und Minusgrade garantiert.

Ein Gedanke zu „Sri Lanka (2): Affensteil durch die Berge“

  1. Hallo ihr beiden, wirklich tolle Fotos, tolle Eindrücke und einen schön geschriebenen Bericht. Und wir können so viele davon nachvollziehen, dass es doppelt schön ist. So reisen wie ihr werde ich nie schaffen, aber in anderer Hinsicht mache ich weiter: davon schicke ich euch Fotos. Ostersonntag bin ich wieder auf der Regina Maris. Auch ein Erlebnis!
    Ganz ganz liebe Grüße von den Azoren,
    Genauer gesagt Horta auf Fajal. Liebe Grüße von Christian (und Annelie in Deutschland)

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