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Umgesattelt: Darum reisen wir mit dem Fahrrad

Jedes mal wenn wir Weltreisende auf Fahrrädern trafen, habe ich deren mentale und körperliche Ausdauer bewundert. Und gleichzeitig gedacht: Diese Quälerei wär nix für mich – vor allem in bergigen oder heißen Regionen. Da schienen wir auf unseren alten Motorrädern besser dran zu sein, auch wenn es ebenfalls Kraft gekostet hat, für viele Stunden konzentriert über abenteuerliche Pisten oder durch chaotische Städte zu manövrieren. Es war schon ein besonderes Abenteuer, auf schnörkellosen DDR-Motorrädern der 80er Jahre mit gerade mal 20 PS so weit (und so hoch) zu reisen.

Wir mit unseren DDR-Motorrädern auf dem Akbaital-Pass, Tadschikistan 2008
Auf unserer ersten Asienreise, Tadschikistan 2008

Dass Micha und ich beim Reisegefährt umgesattelt haben, ist im Grunde Ländern wie China, Thailand oder Vietnam zu verdanken. Will man hier mit einem motorisierten ausländischen Fahrzeug einreisen, wird man im Vorfeld gezwungen, teure Reiseagenturen termingenau zu beauftragen, die einen durchs Land begleiten und vorschreiben, wo man entlangfahren und übernachten darf. Das Stichwort ist also Reisefreiheit. Fahrräder machen in diesem Fall keine Probleme.
Anders als beim Motorrad müssen Fahrräder außerdem nicht verzollt werden. Verzollung bedeutet sehr lästigen Papierkram und zieht Grenzübertritte in die Länge. Ein Fahrrad dagegen geht sozusagen als Gepäckstück durch. Das hat zudem den großen Vorteil, dass es sich einfacher und günstiger auf andere Transportmittel verfrachten lässt. Und dies wird mit Sicherheit nötig werden, weil in letzter Zeit mehrere Landesgrenzen in Asien für Reisende gesperrt sind. Mit einem Fahrrad können wir dann Strecken im Zug oder Flieger gut überbrücken. Radfahren ist dazu noch die umweltfreundlichste Art zu reisen, neben dem Wandern. Zu Fuß laufen wäre uns aber definitiv zu langsam.

Es ist eine der größten Erfindungen der Menschheit, reduziert Emissionen und Fettpolster, verlängert dein Leben um vier Jahre, verfünffacht deine Reichweite und kostet ein Zwanzigstel eines Autos. Kein Tier auf dem Planeten setzt seine Energie effizienter ein als du – wenn du Fahrrad fährst.

Aus dem Globetrotter Magazin 1/2022

Micha und ich haben uns die Vor- und Nachteile möglicher Reisevehikel ausreichend durch den Kopf gehen lassen. Und testweise durch die Beine. Das Fahrrad ist eine tolle Sache. Was mich allerdings lange am Radfahren durch Asien zweifeln ließ – neben der körperlichen Anstrengung – ist die Frage, ob genug Zeit zum Verweilen bliebe. Wir haben den Eindruck, dass Radweltreisende eher kurz an einem Ort bleiben. Eine Nacht, höchstens zwei oder drei, und sie fahren oft schon wieder davon. Vor allem in Zentralasien, Iran oder in großen Ländern wie China oder Russland kann Radreisen wegen strenger Visaregeln stressig werden und sich überhaupt nicht nach Freiheit anfühlen. Für uns macht aber gerade das einen wichtigen Teil des Reisens aus: Dass wir ab und an in Orte eintauchen können und regelmäßig zur Ruhe kommen. Auf dem Fahrrad ist, noch mehr als beim Motorrad, wohl vor allem der Weg das Ziel.
Es hat seinen Reiz, dass wir so noch näher dran sind an Mensch, Tier und Natur, mit einfachen Mitteln und aus eigener Kraft vorankommen – langsam, aber doch schnell genug. Wir werden sicher einen Weg finden, dass Radeln und Reisen gut für uns zu kombinieren. Wir gehen davon aus, dass es öfter unangenehm und sogar schmerzlich wird. Dass wir überhitzt oder frierend gegen Wind und Berge ankämpfen, über schlechte Wege fluchen und abends völlig ermattet und ungewaschen ins Zelt kriechen. Aber wir werden es auch bequem haben, gemütliche Unterkünfte an schönen Orten beziehen, satt und sauber sein und in Ruhe verweilen. So oder so wird es eine intensive neue Erfahrung. Und wer weiß, welche Kräfte, Gefühle und Gedanken dabei freitreten.

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